19
Nov
09

Demonstrieren gegen die eigene Unwichtigkeit

Ich war in Berlin, in Friedrichshain. Auch da zahlt man beim – noch nicht mal schicken – Italiener inzwischen 13 Euro für die Pasta. Außerdem demonstriert man dort. Wogegen ist nicht ganz klar, aber gegen die Pastapreise (leider) nicht.

Es war eine groteske Szene. Die Frankfurter Allee war von Polizeiwagen gesperrt, etliche “Wannen” hielten sich bereit. Dann kam eine Gruppe von etwa 250 Leuten, schrien irgendwas von “Antifaschista” und “Antikapitalista”, begleitet von mindestens der gleichen Zahl Polizisten. Da nun wirklich nicht rauszubringen war, worum es ging, bat ich meinen Bruder, der in Friedrichshain wohnt um Aufklärung. Es ging wohl um die anstehende Räumung von besetzten Häusern. Wenn’s denn sein muss.

Im Grunde genommen ist das ja völlig wurscht – es interessiert nen toten Gasmann. Jetzt könnte man sich drüber aufregen, was das alles kostet, die Polizei, die dafür vonnöten ist, aber wenn ich mir ansehe, was ein Aufwand letzte Woche in München um 50 bekloppte Rechte gemacht wurde, soll mir auch das Recht sein.

Ich frage mich nach der Motivation für diese Demonstration und die macht mir Angst, mehr als die der Rechten in München. Um die Sache kann es nicht gehen. Denn wenn es wirklich um die Häuser, von mir aus auch um den Erhalt einer “bunten Szene” geht, dann gäb’s bessere Methoden. Man könnte zum Beispiel dem Eigentümer ein bißchen Geld anbieten und dann eine Unterschriftenaktion für den Erhalt von “was-auch-immer-man-daran-nun-erhaltenswert-findet” starten. Die taz-lesende bürgerlich-linke Mehrheit in Friedrichshain ließe sich sicher begeistern, es ließe sich Druck aufbauen und sie könnten ihr Haus behalten. Um das Geld zu haben,  müssten die Hausbesetzer drei Monate das Saufen sein lassen, vielleicht nur noch halb so viele Hunde halten und ansonsten n bißchen “schnorren gehen”, was ja ohnehin ihre Kernkompetenz zu sein scheint.

Da sie das nicht tun, scheint es um was anderes zu gehen, was sich in einem aussichtslosen Kampf gegen den “Faschismus” und den “Kapitalismus” ausdrückt. Ersteren kann ich auch nach intensivem Suchen im Mitteleuropa des frühen 21. Jahrhunderts nicht finden. Letzteren gibt es zweifelsohne, allerdings ist der durch ihn zustandegekommene Wohlstand der Grund, warum auch nichtstuende Hausbesetzer in Deutschland nicht verhungern. Pauschal gegen ihn zu demonstrieren ist, gerade aus sicht der Hausbesetzer, zutiefst irrational – und damit letztlich keine Motivation.

Bleibt nur die, dass sie gegen die eigene Unwichtigkeit demonstrieren. Es interessiert nämlich kein Schwein mehr, was die Hausbesetzer so machen. Den Rang als kreative Avantgarde haben sie – wenn sie ihn denn jemals hatten – schon in den 1980ern verloren. Also demonstrieren sie hin und wieder und tun gewaltbereit, damit sich wenigstens noch 500 Polizisten als “Zwangszuschauer” einfinden. Außerdem demonstrieren sie nachts, dann sind die Blaulichter so schön hell, und die Sprechchöre gehen nicht im Tageslärm der Großstadt unter.Dann merkt man’s wenigstens.

Warum ich drüber schreibe, wenn’s denn keinen interessiert? Aus Sorge um die Eskalation. Denn sie schrecken vor wenig zurück, damit sie Aufmerksamkeit bekommen. In Berlin zünden sie Autos an. In Hamburg sind sie schon weiter: Da beschimpfen die Linksautotnomen die Besucher eines nicht israelkritischen Films als “Judenschweine”. Davor habe ich Angst. Vor allem, da die meisten Menschen denken, dass links gleich ausländerfreundlich sei. Werch ein Illtum!


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