05
Nov
09

Die Einheit hat viele Väter – Kohl ist keiner davon.

Es ist November 2009. An sich nichts besonderes, wäre nicht vor 20 Jahren die Mauer gefallen. Also ist Erinnerungsherbst. In diesen Tagen sind alle Medien voll der Erinnerung an die Zeit vor 20 Jahren. Das ist, per se, richtig gut so, denn was vor 20 Jahren in (Ost-) Deutschland und (Ost-)Europa passierte, ist immer noch unglaublich.

Nun taucht, wie nicht anders zu erwarten, Helmut Kohl immer wieder auf. Auch das ist sicherlich gerechtfertigt, er ist zweifelsohne eine der wichtigen Figuren auf den Weg zur Wiedervereinigung. Aber er ist nicht “Vater der Einheit”, wie zum Beispiel der Berliner Tagesspiegel am Sonntag schrieb.

Die Deutsche Einheit hat keinen Vater, sie hat auch keine Mutter. Kein Mensch, auch kein Paar, hat sie alleine zu Tage gefördert. Die Einheit hat viele Väter und Mütter, und die sind allesamt keine (west-)deutschen Politiker. Die Mütter und Väter der Einheit sind die Ostdeutschen. Vor allem die, die im Oktober und Anfang November 1989 in Leipzig, Berlin und vielen anderen Städten der DDR auf die Straße gegangen sind. Auch die Flüchtlinge, vor allem in der Prager Botschaft können sich als Eltern der Einheit fühlen. Aber Helmut Kohl? Nein!

Da stellt sich die Frage: Warum nicht? Und vor allem: Warum ist das wichtig?

Also, warum war er’s nicht? Das Wort “Vater” suggeriert, dass er oder eher sein Handeln zumindest notwendig, vielleicht sogar ausreichend für das Zustandekommen der Einheit war. Ausreichend war es ganz sicher nicht: Es bedurfte etlicher Geschehnisse ausserhalb seines Tuns. Gorbatschows Perestroika, die schon erwähnten Demonstrationen und die Massenflucht, Schabowskis Versprecher und das wirtschaftliche Ende der DDR. Notwendig war sein Tun auch nicht: wie Rudolf Augstein schrieb, gab es keinen anderen 1989 vorstellbaren Kanzler (das wäre Johannes Rau gewesen) der im Ergebnis anders gehandelt hätte. Und selbst wenn Rau anders hätte Handeln wollen: Dem Druck des “Wir sind EIN Volk”, das nach dem Mauerfall immer und überall zu hören war, hätte er sich nicht widersetzen können. Die Vertreter der DDR-Bürgerrechtsbewegung am Runden Tisch, denen eine Staatenkonföderation lieber gewesen wäre, konnten es ja auch nicht.

Bleibt die Frage, ob diese Feststellung wichtig ist. Sie ist es. Ebenso ist es wichtig, Kohl nicht den Titel “Kanzler der Einheit” zu verleihen, obwohl er Kanzler zur Zeit der Wiedervereinigung war und zweifelsohne einen großen Anteil an deren Zustandekommen hat. Aber sie ist nicht seinetwegen, oder wegen irgendeines anderen Politikers zustande gekommen. Wir konnten am 3.Oktober 1990 die Wiedervereinigung feiern, weil die Menschen ist Ostdeutschland Kopf und Kragen dafür riskiert haben. Punkt. In einem in Deutschland bis dato einmaligen, friedlichen revolutionären Akt haben sie ein Unrechtregime zu Fall gebracht. Ohne Hilfe von Politikern. Mit der durchaus realistischen Gefahr, verhaftet oder gar erschossen zu werden haben die Menschen in Leipzig am 8.Oktober 1989, in Berlin am 4. November und in vielen anderen Städten demonstriert – für den Fall der Mauer. Kohl war völlig überrascht. Er hat zweifelsohne gut reagiert, die Stimmung aufgenommen und – intelligenter Weise – gar nicht erst versucht, den unaufhaltsam in Richtung Einheit rollenden Stein aufzuhalten.

Kohl ist nicht Vater der Einheit. Er hat sogar kapitale Fehler bei der Einheit gemacht. Über die schreibe ich beim nächsten Mal.


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