Mir fehlt in Bayern ein Sender wie SWR1 BW. Gute Musik ohne Hitparadengefälligkeit und gute Information. Ich freue mich immer drauf, durch Baden-Württemberg zu fahren. SWR1 kann ich einschalten und drinlassen. Nicht das ewige Gesuche nach dem für die nächsten drei Minuten akzeptablen Programm, zu dem ich in Bayern immer gezwungen bin. Heute bin ich also SWR1 hörend aus dem „Ländle“ nach München zurückgefahren und erstmals erschien mir Bayern als Oase der Vernunft. Topnachricht hier: Das Volksbegehren zum Nichtraucherschutz war erfolgreich. Auf SWR1 durfte ich mir seit gestern anhören, dass größtes Unheil über das Ländle hereingebrochen sei.
Im Daimler Stammwerk in Sindelfingen laut x-fach wiederholtem SWR-Bericht die Bänder still. Ein Betriebsrat kommt mehrfach zu Wort und spricht von „Arbeitsplatzvernichtung“ bei Daimler. Tüchtige SWR1 Reporter finden in der Sindelfinger Umgebung ganze Dörfer, denen der Untergang droht. Familien, die seit Generationen „beim Daimler schaffen“ und die jetzt vor dem – ja vor was denn eigentlich stehen?
Denn was ist passiert? Wird das Stammwerk in Sindelfingen geschlossen? Ist Daimler gar dem gleichen Schicksal anheimgefallen wie Opel und ist von der Insolvenz bedroht?
Nein. Die ganze Panik hat folgenden Grund. Daimler will die Produktion der C-Klasse aus dem Stammwerk Sindelfingen wegverlagern. Oha. Was der SWR 1 nur im Nebensatz erwähnt: E-Klasse und S-Klasse werden weiter in Sindelfingen gebaut, dass das auch für CL und CLS sowie den Maybach gilt, fällt ganz unter den Tisch. Aber ich verstehe: selbst wenn nur eine Produktionslinie verschwindet, wenn die Leute von jetzt auf gleich ihren Job verlören wäre das hart. Sie verschwindet nur nicht heute, oder morgen oder in drei Monaten. Sie verschwindet auch nicht 2010, 2011, 2012 oder 2013. Erst 2014 soll’s mit der neuen Generation der C-Klasse soweit sein. Und dann verschwindet sie auch gar nicht, sondern wird durch die Produktion des SL ersetzt (von dem heute aber nur 110 am Tag gebaut werden und nicht über 660, wie von der C-Klasse; wieviel wovon 2014 produziert werden, weiß noch niemand, wie denn auch).
Na gut, also muss es einen anderen Grund für die Aufregung geben. Der vielzitierte Betriebsrat sprach von „Arbeitsplatzvernichtung“. (Ich will hier nicht drauf eingehen, dass das Wort an sich blödsinning ist, weil in Deutschland geschlossene Werke – wie inzwischen jedes Kind weiß – in aller Regel in China oder sonstwo mit mehr Arbeitern als vorher wiederaufgemacht werden. Ich setze also voraus, dass mit diesem Propagandawort „Arbeitsplatzverlagerung ins Ausland“ gemeint ist). In welches Billiglohnland sollen die Arbeitsplätze denn diesmal hinvernichtet werden? Antwort: Bremen (und in die USA). In Deutschland sollen keine Arbeitsplatzverluste entstehen.
Trotzdem schafft der SWR1 das Kunststück, eine Photomontage im Radio zu transportieren und malt das Teufelsbild einer roten C-Klasse mit dem Nummernschild „Made in Bremen“ an die Wand. Ohhh Gott, wie furchtbar.
Kein Mensch weiß, wieviele Menschen in Sindelfingen im Jahr 2014 beschäftigt sein werden. Kein Mensch weiß, welche Baureihe sich wie verkauft, gesetzt den Fall, dass Daimler die Krise weiterhin leidlich übersteht. Und selbst wenn einzelne Arbeitsplätze bedroht sind: Wir reden von 2014!!! Damit bleiben allen C-Klasse Arbeitern im Ländle mindestens vier Jahre Zeit, sich einen neuen Job zu suchen, wenn sie denn tatsächlich das Vertrauen zu Daimler verloren haben, wie Interviewer und Interviewte im SWR1 nicht müde wurden zu betonen.
Es gab ja noch ermutigende Neuigkeiten aus Baden-Württemberg: Der scheidende Ministerpräsident sagt (zurecht) stolz, dass er das Land mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit an seinen Nachfolger übergebe. Nicht zuletzt deshalb ist die Weltuntergangsstimmung im SWR verlogen und unseriös. Im schlimmsten Fall verliert eines der reichsten Bundesländer ein paar hundert Arbeitsplätze an eines der Schwächsten.
Und der Weltuntergang im Ländle? Was wirklich passiert ist, ist, dass ein paar Daimler Mitarbeiter, vermutlich weil sie von den Medien (SWR1) mit der Nase draufgestoßen wurden, das Vertrauen in ihren Arbeitgeber verloren haben. Wenn sie in Baden-Württemberg sonst keine Probleme haben, muss das wirklich wie ein Weltuntergang aussehen.